GESCHICHTE DER VORARLBERGER STICKEREI

Im Jahre 1751 sahen St. Galler Kaufleute in Lyon wie türkische Frauen auf einer Trommel mit der Sticknadel auf Seide verschiedene Motive mit Gold- und Silberfäden stickten. Die Schweizer Kaufleute die in Lyon im Stoffhandel tätig waren, ließen eine Schweizerin dieses Handwerk lernen und diese musste dann wiederum in St. Gallen Frauen und Mädchen anlernen. Da den schweiz. Exporteuren schon bald Stickerinnen fehlten, kam schon im Jahre 1763 die erste schweiz. Sticklehrerin nach Schwarzenberg in den Bregenzerwald, um auch hier Frauen und Mädchen in die Handstickerei einzuführen.

Dies war für die vorwiegend bäuerlichen Regionen ein willkommener Erwerbszweig, denn viele Leute aus dem Bregenzerwald gingen nach Deutschland als Hopfenpflücker, Krautschneider, Bauleute usw. um Geld dazuzuverdienen und die Familien ernähren zu können. Im Bodenseeraum war die Flachsgewinnung zu dieser Zeit noch ganz groß und St. Gallen, Konstanz und Ravensburg waren die Zentren des Leinenhandels.

Später wurde dann auf Baumwollgewebe gestickt – die Einfuhr nach Osterreich war jedoch verboten. Da sich die Stickerei sehr rasch in Vorarlberg ausbreitete und diese Lohnaufträge aus der Schweiz von großer wirtschaftlicher Bedeutung, speziell für die Bergregionen des Bregenzerwaldes waren, bestätigte Kaiser Franz der I. im Jahre 1818 das Privileg des Stickereiveredlungsverkehrs, dh. das Baumwoll-Gewebe und Stickgarn konnten zollfrei eingeführt – musste aber in der gleichen Menge auch wieder nach dem Sticken ausgeführt werden.

Die sogenannten Stickfergger waren für die Anlieferung der Ware und die Abholung und Ablieferung beim Exporteur in der Schweiz verantwortlich. Die der Nachwelt   bekanntesten Stickfergger waren der Heimatdichter Franz Michael Felder aus   Schoppernau und der Vater der weithin bekannten Schriftstellerin Natalie Beer. In Vorarlberg waren zu dieser Zeit 6.000 -10.000 Stickerinnen tätig und das bei ca. 100.000 Einwohnern.

Um 1863 kam die erste Kettenstichmaschine – auch Parisermaschine genannt – die man auch heute noch in verschiedenen Wälderstuben als Inventarstück findet. Um 1910 waren in Vorarlberg 3.450 solcher Maschinen in Betrieb. Schon 1828 erfand Josua Heilmann aus Mühlhausen die Handstickmaschine, die dann 1834 auf der Pariser Industrieausstellung ausgestellt wurde. Das war dann der eigentliche Anfang der heutigen Stickereiindustrie. Es war doch eine tiefgreifende Erfindung, konnten doch mit einer einzigen Maschine 312 Stickerinnen ersetzt werden.

1868 kamen die ersten 2 Maschinen nach Lustenau, 1880 waren es schon 1.404, zehn Jahre später 3.141 und im Jahre 1900 – gar 4.032 Maschinen in 66 Gemeinden (von 99 Gemeinden), jeder 32. Vorarlberger stickte. Die Revolution in der Stickerei wurde eingeleitet mit der Erfindung des Elektromotors. Im Jahre 1867 zeigte Isaac Gröbli aus Gossau auf der Pariser und 1873 auf der Wiener Weltausstellung die Schifflistickmaschine. Die ersten dieser Pantographen wurden 1896 in Lustenau in Betrieb genommen. Gröblis Sohn Arnold setzte dann die technische Entwicklung fort und übertrug die Tätigkeit des Pantographstickers auf eine Lochkarte – und daraus resultierte die auch heute noch vereinzelt im Einsatz befindliche Automatenstickmaschine.

Eine weitere, einschneidende Verbesserung hat sich erst in den letzten Jahren ergeben, als auch bei den Stickmaschinen die Elektronik Einzug gehalten hat. Sie müssen sich jedoch vorstellen, dass diese Maschinen seit 1908, also seit rund 80 Jahren mit der gleichen Technik in Betrieb sind. Wie bedeutend dieser Industriezweig für das Land Vorarlberg war, geht auch daraus hervor, dass bereits im Jahre 1887 die Gründung einer Stickereifachschule (die heutige Bundestextilschule – seit 1891) beschlossen wurde und 1903 die Marktgemeinde Lustenau die 2-klassige Handelsschule gründete, um genügend kfm. Personal für den Stickereiexport auszubilden. Dass nicht immer alles eitel Wonne war, das ist auch klar, denn kein textiler Industriezweig reagiert so sensibel auf die Mode wie die Stickerei.

Der bisherige Hohepunkt war sicherlich das Jahr 1982 mit einem Exportwert von 335 Mill EURO und einem Maschinenstand von 1.389 Stickmaschinen. Heute ist es wieder ruhiger geworden, der Exportwert ist auf weniger als die Hälfte dieses Rekordes gesunken und es wurden in den Jahren 1986 – 1992 352 Maschinen abgebrochen – verschrottet und bis heute 365 Maschinen ins Ausland verkauft und 34 neue Maschinen gekauft.

Aber solche Krisen hat es auch schon früher zwischen 1880 und 1892, 1916 und 1918 und 1934 und 1938 gegeben. 1934 und 1938 wurden von den schweizerischen Lohnstickern die Rheinbrücken besetzt, damit die Fabrikanten keine Stoffe und Game nach Vorarlberg zum Besticken bringen konnten.

Der Wiederaufbau nach dem 2. Weltkrieg wurde praktisch aus dem Nichts geschaffen.

Heino Hämmerle, Lustenau, 2001

Stickereiwirtschaft heute

Zentrum der österreichischen Stickereiwirtschaft ist Vorarlberg. Hier sind rund 250 (Stand 2011) Großtstickmaschinen im Einsatz. Im Jahre 2010 wurden Stickereien im Gesamtwert von rund € 60 Millionen EURO in insgesamt über 84 Länder der Welt exportiert, d.h. ca. 95 Prozent der Produktion finden einen Abnehmer im Export. Zur Erfolgsstory der Vorarlberger Stickereiwirtschaft gehören nicht nur eine flexible und marktnahe Organisation, sondern auch eine weltweite Exporttätigkeit und die Ausrichtung auf hochmodische Kollektionen. Die Schwerpunkte sind vor allem Wasche, Heimtextilien, DOB, Cocktail-, Braut- und Abendmode. Daneben haben einzelne Firmen das Repertoire auch um Stickereien für Schuhe, Taschen und Badeanzuge erweitert.

40% der Exporte gehen nach Europa, vor allem nach Großbritannien, Deutschland und die Schweiz. Der Hauptmarkt mit 50% Exportanteil ist aber mittlerweile Afrika und dort vor allem Nigeria. Die Fachgruppe der Vorarlberger Stickereiwirtschaft in der Wirtschaftskammer ist eine Servicestelle für die Mitgliedsfirmen der Stickereiwirtschaft. Der Fachgruppe Stickereiwirtschaft sind rund 195 Mitgliedsfirmen angeschlossen, die entweder im Export engagiert als Lohnsticker, Scherler, Puncher, oder Zeichner den Exporteuren zuarbeiten. Insgesamt beschäftigt die Vorarlberger Stickereiwirtschaft rund 640 Mitarbeiter. Die Importe der Vorarlberger Stickereiwirtschaft betreffen in erster Linie Grundstoffe, die hier bestickt und im Rahmen des ‚aktiven Veredelungsverkehrs‘ wieder exportiert werden. Nur ganz wenige Firmen kaufen Stickereien aus dem Ausland zu, meist nur als Ergänzung zu ihren eigenen Kollektionen und in Optiken, die die Handarbeit forcieren. Für schmale Sektoren, wie Braut- und Abendkleider werden in geringem Ausmaß auch Vorarlberger Stickereierzeugnisse nachträglich für Effektarbeiten, wie z.B. handaufgenähte Perlen, ins Ausland zur Weiterveredlung vergeben.

Die Zukunft wird von den Stickern in Osterreich durchwegs als gut bewertet. In der Struktur von Klein- und Kleinstbetrieben, in der die Betriebe schnell, wendig und persönlich organisiert sind, ist ein Höchstmaß an Flexibilität gegeben, die es ermöglicht, die neuesten Trends umzusetzen und die Kunden persönlich und exklusiv zu bedienen. Mit der Komponente neuester Technologie ist darüber hinaus auch ein hohes Maß. an Effizienz und Qualität gewährleistet. Die Vorarlberger Sticker werden auch in Zukunft nicht den Massen-und Preismarkt bedienen. Vielmehr werden sie eine Nischenpolitik mit der ‚pronta moda‘ und den kreativen Konfektionen betreiben, welche die Wertarbeit Stickerei zur Veredelung und Verschönerung ihrer Kollektionen einsetzen. Die kleinbetriebliche Struktur der Betriebe erlaubt ein Maximum an Flexibilität in jeder Richtung; die Konzentration der Sticker auf einen engen Raum fordert die Kooperationsbereitschaft und die Verwertung von einem ‚Knowhow‘, das traditionelle Wurzeln hat. Die meist persönliche Betriebsführung, sowie das Engagement der gesamten Familie im Stickerei-Business ist mit ein Garant für höchste Qualität.

Technische Stickereien – ein neues Standbein:
Seit 2010 organisiert die Fachgruppe einen Innovationsausschuss der es sich zur Aufgabe gemacht hat, Lösungen und Innovationen vordringlich auf dem Gebiet der technischen Stickereien zu suchen, um die Erhaltung der Infrastruktur für die Zukunft zu gewährleisten und neue Stickereitechniken in Kooperation mit anderen Industrien auf den Markt zu bringen. Mittlerweile haben sich 17 Stickereiunternehmen aus der Stickereiwirtschaft unter dem Schirm von „Smart Embroideries Austria“ zusammengeschlossen und unterhalten eine gemeinsame Forschungseinrichtung, welche an das Institut für Textilchemie und Textilphysik angegliedert ist. Weitere Informationen unter http://www.smart-textiles.com